Make or Buy: Wann Industrieunternehmen Simulationskompetenz intern aufbauen sollten – und wann nicht

Make or Buy bei Simulationskompetenz – interne Stelle, externe Beratung oder Hybridmodell im Vergleich
Dieser Artikel richtet sich an Entwicklungs- und Teamleitungen, die abwägen, ob sie Simulationskompetenz – FEM, CFD, Systemsimulation – intern aufbauen, eine Tool-Lizenz beschaffen oder extern einkaufen. Die ehrliche Antwort beginnt damit, dass die Frage in dieser Form falsch gestellt ist.

„Intern oder extern" ist keine Grundsatzentscheidung

Die Frage wird in vielen Unternehmen als Glaubensfrage geführt. Die eine Fraktion will Kompetenz im Haus, weil „das Kerngeschäft ist". Die andere will flexibel zukaufen, weil „wir sind keine Simulationsbude". Beide Seiten haben in bestimmten Situationen recht – und in anderen unrecht.

Make or Buy bei Simulationskompetenz ist keine Grundsatz-, sondern eine Situationsentscheidung. Sie hängt von der Frequenz des Bedarfs ab, von der Sensibilität des Know-hows, von der Frage, ob die Methodik zur Kerndomäne gehört – und davon, was die ehrliche Vollkostenrechnung sagt. Wer sie als Prinzip beantwortet, optimiert das eigene Bauchgefühl, nicht die Entscheidung.

Es gibt zudem nicht zwei Optionen, sondern drei: intern aufbauen, extern einkaufen – oder ein Hybridmodell, das beides kombiniert. Die meisten Mittelständler landen am Ende beim Hybrid. Aber nur, wenn sie vorher sauber gerechnet haben.

Die ehrliche Kostenrechnung: Was eine interne Simulationsstelle wirklich kostet

Die häufigste Fehlkalkulation ist, eine interne Stelle mit dem Bruttogehalt zu bewerten und gegen einen externen Tagessatz zu stellen. Das verzerrt die Entscheidung systematisch zugunsten „intern", weil die Nebenkosten fehlen. Eine belastbare Rechnung sieht so aus:

KostenblockGrößenordnung p. a.Anmerkung
Bruttogehalt Simulationsingenieur:in65.000–85.000 €je nach Erfahrung und Region
Lohnnebenkosten (AG-Anteil ~20 %)13.000–17.000 €Sozialversicherung, Umlagen
Software-Lizenz (FEM/CFD)15.000–50.000 €kommerzielle Solver inkl. Wartung
Hardware / Workstation / HPC-Anteil3.000–8.000 €auf Nutzungsdauer umgelegt
Schulung & Weiterbildung3.000–6.000 €laufend, nicht einmalig
Vollkosten / Jahrca. 100.000–165.000 €vor Produktivität

Hinzu kommt der Faktor, den die Tabelle nicht abbildet: die Einarbeitungszeit. Eine neu besetzte Stelle ist nicht ab Tag eins produktiv. Bis ein:e Simulationsingenieur:in die unternehmensspezifischen Bauteile, Materialmodelle, Freigabekriterien und Toolketten beherrscht, vergehen realistisch sechs bis zwölf Monate. In dieser Zeit fallen Vollkosten an, aber die Modelle sind noch nicht freigabesicher.

Die Gegenrechnung extern: Ein externer Tagessatz von 900–1.300 € klingt zunächst hoch. Aber 20 Studientage pro Jahr – ein realistischer Bedarf für viele KMU – kosten so 18.000–26.000 € statt 100.000 €+. Erst ab einer Frequenz, bei der die interne Stelle ausgelastet und eingearbeitet ist, dreht die Rechnung. Wie sich externe Beratungskosten generell zusammensetzen, steht im Detail im Artikel Was kostet technische Beratung? Ein ehrlicher Überblick.

Faustformel: Eine interne Vollzeitstelle rechnet sich gegenüber externem Einkauf grob ab dem Punkt, an dem der Bedarf dauerhaft mehr als ~80–100 produktive Simulationstage pro Jahr beträgt – und die Person eingearbeitet ist. Darunter zahlen Sie für Leerlauf.

Vier Kriterien, die für „intern aufbauen" sprechen

Interner Aufbau ist die richtige Entscheidung, wenn mehrere der folgenden Punkte zutreffen – nicht, wenn nur einer es tut.

  • Hohe Frequenz: Der Bedarf liegt dauerhaft bei mehr als ~20 substanziellen Studien pro Jahr. Bei dieser Frequenz wird der externe Einkauf nicht nur teuer, sondern auch organisatorisch träge – jede Studie braucht Briefing und Abstimmung.
  • IP-Sensibilität: Die Simulationen berühren Kernwissen, das das Unternehmen nicht aus der Hand geben will – proprietäre Materialmodelle, geschützte Konstruktionsprinzipien, wettbewerbsentscheidende Auslegungslogik.
  • Iterative Loops im Daily Business: Simulation ist fester Teil der täglichen Entwicklungsschleife, nicht ein punktueller Freigabeschritt. Wenn Konstrukteur:innen mehrmals pro Woche schnelle Was-wäre-wenn-Rechnungen brauchen, ist externe Beauftragung zu langsam.
  • Vorhandene Kompetenz nur ergänzen: Es gibt bereits eine Person mit Simulationsgrundlagen, die methodisch ergänzt werden soll. Aufbau auf Bestehendem ist deutlich günstiger und schneller als ein Aufbau bei null.

Vier Kriterien, die für „extern einkaufen" sprechen

Spiegelbildlich gilt: Wenn die Situation einem oder mehreren dieser Muster entspricht, ist Einkauf die wirtschaftlich und methodisch bessere Wahl.

  • Punktuelle Spitzenbedarfe: Der Bedarf ist unregelmäßig – ein paar Studien pro Jahr, oft projektgetrieben. Eine feste Stelle dafür ist strukturell unterausgelastet.
  • Methodik außerhalb der Kerndomäne: Die benötigte Methode liegt fern vom eigenen Schwerpunkt – etwa CFD-Strömungsakustik in einem Unternehmen, das sonst rein strukturmechanisch arbeitet. Diese Kompetenz intern auf Niveau zu bringen, dauert Jahre.
  • Zweitmeinung und Freigabe-Absicherung: Es geht nicht um Volumen, sondern um Absicherung einer tragweitenstarken Entscheidung durch einen unabhängigen Blick. Genau hier ist Distanz ein Vorteil, kein Nachteil – wann das sinnvoll ist, behandelt Wann braucht ein Unternehmen ein externes technisches Review?.
  • Brückenphase bis interner Aufbau steht: Die strategische Entscheidung für internen Aufbau ist gefallen, aber die Stelle ist noch nicht besetzt oder eingearbeitet. Externe Begleitung überbrückt die sechs bis zwölf Monate, ohne dass laufende Projekte warten müssen.

Der Hybridweg: meistens die realistische Antwort

In der Praxis ist die saubere Trennung „alles intern" oder „alles extern" selten optimal. Die meisten Mittelständler fahren am besten mit einem Hybridmodell: Die wiederkehrenden Standardstudien laufen intern, die methodisch anspruchsvollen Spitzen oder Freigabe-Absicherungen extern.

Tragfähig wird das über eine Methodenpartnerschaft statt Einzelbeauftragung: ein:e externe:r Partner:in, die das Unternehmen kennt, bei Bedarf abrufbar ist und die interne Person methodisch begleitet, statt sie zu ersetzen. Genau das leistet ein Retainer- oder Abrufmodell – warum die Form der Zusammenarbeit dabei strategisch ist und nicht nur eine Preisfrage, steht in Retainer vs. Projektauftrag: Welche Form der Zusammenarbeit passt wann.

Der Hybridweg hat einen weiteren Vorteil: Er ist reversibel. Wer mit externem Einkauf plus interner Begleitung startet, kann auf Basis realer Auslastungsdaten entscheiden, ob sich die Vollzeitstelle später rechnet – statt diese Wette blind zu Beginn einzugehen.

Drei typische Fehlentscheidungen

„Wir haben CAD, simulieren wir nebenbei." Die verbreitetste Fehleinschätzung. Eine CAD-integrierte Solver-Lizenz macht aus Konstrukteur:innen keine Simulationsingenieur:innen. Die Software liefert immer ein buntes Ergebnisbild – ob es physikalisch belastbar ist, entscheidet die Methodenkompetenz dahinter, nicht das Tool. Nebenbei-Simulation produziert Werte, die wie Entscheidungsgrundlagen aussehen, aber keine sind.

Vollzeitstelle für 5 Studien im Jahr. Eine feste Stelle zu schaffen, die strukturell unterausgelastet ist, ist nicht nur teuer – sie führt auch zu Kompetenzverlust. Wer nur fünfmal im Jahr simuliert, baut keine Routine auf und bleibt bei jeder neuen Fragestellung unsicher. Die Stelle ist dann gleichzeitig zu teuer und zu schwach.

Berater als Dauerlösung statt Wissenstransfer. Das Gegenstück: Externe über Jahre für Standardstudien zu beauftragen, die das eigene Team längst übernehmen könnte. Gute externe Begleitung hat ein eingebautes Ablaufdatum für die Routineanteile – sie soll das interne Team befähigen, nicht in Dauerabhängigkeit halten. Wer nach drei Jahren noch jede Standardstudie zukauft, hat den Wissenstransfer versäumt.

Praxisbeispiel

Ein Hersteller von Leistungselektronik wollte eine Vollzeitstelle für Thermalsimulation schaffen – Begründung: „brauchen wir ständig". Die ehrliche Aufnahme ergab: rund 12 substanzielle Studien pro Jahr, methodisch eng (PCB-Thermik), plus zwei größere Freigaben mit hoher Tragweite.

Ergebnis: keine Vollzeitstelle. Stattdessen wurde ein:e vorhandene:r Entwickler:in für die Standardstudien methodisch befähigt (Aufbau auf Bestehendem), und die beiden Freigaben laufen als externe Absicherung. Vollkosten: rund ein Drittel der geplanten Stelle – bei höherer Sicherheit bei den kritischen Entscheidungen.

Entscheidungsmatrix zum Selbstabgleich

Die folgende Matrix ersetzt keine individuelle Bewertung, ordnet aber die typischen Situationen ein. Maßgeblich ist das Gesamtbild, nicht eine einzelne Zeile.

SituationFrequenz / JahrEmpfehlung
Punktuell, methodenfern, hohe Tragweite< 10Extern einkaufen
Regelmäßig, aber unregelmäßig verteilt10–20Hybrid: intern befähigen + externe Spitzen
Hochfrequent, Kerndomäne, iterativ> 20Intern aufbauen (+ externe Methodenpartnerschaft)
IP-sensibel, unabhängig von FrequenzbeliebigIntern, bei Bedarf extern absichern
Freigabe-ZweitmeinungbeliebigExtern (Unabhängigkeit ist der Zweck)
Entscheidung für intern gefallen, Stelle offenExtern als Brücke bis Einarbeitung steht

Fazit

Die Antwort auf Make or Buy ist nicht „intern" oder „extern", sondern: rechnen Sie ehrlich, und entscheiden Sie nach Frequenz, IP-Sensibilität, Kerndomäne und Reversibilität. Für viele KMU ist der Hybridweg die wirtschaftlich und methodisch beste Lösung – nicht als Kompromiss, sondern weil er die Stärken beider Modelle kombiniert und die Entscheidung über eine spätere Vollzeitstelle auf Daten statt auf Bauchgefühl stützt.

Und wenn die Rechnung „intern aufbauen" ergibt, ist das ein gutes Ergebnis – dann wissen Sie, dass die Stelle ausgelastet sein wird, und können sie gezielt besetzen statt auf Verdacht.

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